Rundbrief Januar 2009
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Sehr geehrte Paten, Förderer und Freunde unserer Anbaham-Kinderdörfer! Von Herzen wünsche ich Ihnen, auch im Namen der Vorstandsmitglieder unserer beiden gemeinnützigen Vereine in Kassel und Isny als auch der Jungen und Mädchen der indischen Kinderdörfer, ein gesundes, friedvolles und gesegnetes Jahr 2009. Das vergangene Jahr war für unsere drei Anbaham-Dörfer im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu wieder ein gutes Jahr. 80 Kinder und Jugendliche haben nach dem Schuljahr 2007/2008 Anbaham verlassen, die meisten nach Abschluss des 10. oder sogar des 12. Schuljahrs. Fast alle haben eine Arbeitsstelle oder einen Ausbildungsplatz gefunden oder studieren an einer Technischen Hochschule bzw. einem College. Ihre Paten haben fast alle wieder eine neue Patenschaft übernommen. Im Juni 2008 sind 128 Jungen und Mädchen in unsere Kinderdörfer neu aufgenommen worden. Für mehr als 100 von ihnen haben wir inzwischen Paten gefunden. Die anderen werden zunächst durch anonyme Patenschaften unterstützt. Für die Unterstützung der Kinderdörfer St. Boniface Anbaham setzen sich auch viele Kinder in Deutschland ein: Grundschüler sammeln Geld als St.-Martins-Sänger oder im Advent als Klöpfelkinder, Realschüler und Gymnasiasten verkaufen Kuchen oder veranstalten Basare zugunsten von Anbaham, Sternsinger sind nach dem Weihnachtsfest unterwegs, um die Botschaft von der Christgeburt in die Häuser zu bringen und für unsere Kinderdörfer Geld zu erbitten. Auch die Erwachsenen helfen außer durch Patenschaften und Einzelspenden mit Aktionen wie Kleiderbasare, Verkauf von Blumen, Adventskränzen und selbstgebackenen Kuchen. Im vergangenen Jahr haben wieder mehrere Jubilare zu ihrem Geburtstag auf Geschenke verzichtet und um Spenden für Anbaham gebeten. Eine große Hilfe war auch wieder das Gewinnen neuer Paten durch unsere Förderer. Die finanzielle Situation unseres Hilfswerkes ist durchaus zufrieden stellend, nicht nur hinsichtlich der Versorgung der 600 Kinder durch Patenschaften, sondern auch was den weiteren Ausbau unseres Hilfsprojektes betrifft. Durch zwei hohe Einzelspenden konnten im Kinderdorf von Nagamanagalam ein neues Jungenhaus bezogen und eine Ausbildungsstätte für Nähen und Handarbeit als auch für Computerkurse fertig gestellt werden. In diesem Kinderdorf sind die Häuser, die für 20 bis 30 Kinder konzipiert sind, mit 40 Jungen oder Mädchen immer noch überbelegt. Durch eine neue Einzelspende von 30.000 € aus dem Chiemgau sind wir nun in der glücklichen Lage, dort ein weiteres Kinderhaus zu bauen. - Auf dem Gelände unserer Farm, in der Nähe des Kinderdorfes von Zionpuram, haben wir als Hilfe zur Selbsthilfe eine kleine Ziegelei gebaut, welche mit ihren Einkünften einen Beitrag zur Versorgung der Kinderdörfer leisten soll. In wenigen Wochen wird sie ihren Betrieb aufnehmen. – Im Kinderdorf von Vadamelpakkam haben wir sehr oft Stromausfall, nicht nur wochenlang während der Monsunzeit sondern auch immer wieder für einige Stunden während des ganzen Jahres. Der vorhandene Generator ist bei weitem nicht ausreichend. Im neuen Jahr werden wir zunächst ein Mädchenhaus mit Solarenergie versorgen. Außerdem sollen die Straßenlampen auf den Wegen des Grundstücks mit Solarenergie gespeist werden. Eine Maßnahme, die vor allem der Sicherheit unserer Kinder dient, denn sie sind in der Dunkelheit durch Gift-schlangen gefährdet. Eine große Freude war für uns die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande an Maria Theresia Stemmler, die von 1987 bis 1998 stellvertretende Vorsitzende des Kasseler Freundeskreises war. Durch ihr unermüdliches Engagement in der Beantragung von Zuschüssen der deutschen Bundesregierung als auch bei der Gewinnung von Paten und sonstigen Förderern, durch ihren eigenen finanziellen Einsatz und durch ihre bis heute spürbare liebevolle Verbundenheit mit unseren Anbaham-Dörfern und deren Jungen und Mädchen, die sie mehrmals besucht hat, hat sich Frau Marisa Stemmler um das Hilfswerk St. Boniface Anbaham verdient gemacht. Wir gratulieren Frau Stemmler von ganzem Herzen. Mitte Januar werde ich zusammen mit meiner Mitarbeiterin Frau Sabine Gehrling, die Vorstandsmitglied unserer beiden Anbaham-Vereine ist, wieder nach Indien reisen, um mich vom Wohlbefinden und der erwarteten Förderung unserer Kinder, als auch von der Erledigung aller beim letzten Besuch gestellten Aufgaben zu überzeugen, notwendige Reparaturen und Renovierungen in Auftrag zu geben und eine Sitzung des indischen Trägervereins zu leiten. Eine besonders wichtige Aufgabe wird, wie in jedem Jahr, die Aufnahme neuer Kinder sein. Im Laufe des vergangenen Jahres haben wieder viele Mädchen und Jungen um Aufnahme in die Anbaham-Dörfer gebeten. Bei meinen jährlichen Besuchen werden diese zu einem Treffen eingeladen, bei dem ich dann in Einzelgesprächen die Bedürftigsten aussuchen muss. – Auch Herr Böer, der stellvertretende Vorsitzende des Isnyer Vereins, wird im kommenden Februar die Kinderdörfer besuchen. Selbstverständ-lich tragen alle Anbaham-Besucher privat ihre Flug- und Verpflegungskosten, das gilt ebenso für den Vorsitzenden. In den vorausgegangenen Rundbriefen habe ich über das Elend der Dalits, der Kastenlosen, und über das Millionenheer der Kinderarbeiter berichtet. Immer wieder begegnet mir die unbeschreiblich große Not der Landbewohner, die von der wirtschaftlichen Entwicklung Indiens und der Modernisierung des gesellschaftlichen Lebens, wie sie in den Megastädten zu beobachten ist, ausgeschlossen sind. Die Menschenrechte scheinen für die arme Bevölkerung auf dem Lande, insbesondere für die etwa 260 Millionen Dalits, nicht zu gelten. Besonders heftig sind die Menschenrechtsverstöße gegen christliche Dalits. Im Weihnachtsmagazin 2008 der Jesuitenmission in Nürnberg ist ein Interview mit dem Jesuitenpater L.Yesumarian veröffentlicht, das ich hier in Auszügen abdrucken möchte: „Als kleiner Junge musste ich auf öffentlichen Plätzen, in Geschäften oder auf Spielplätzen immer Abstand zu den Gleichaltrigen halten, die einer Kaste angehörten. Es war undenkbar, dass ich das Haus eines Kasten-Jungen hätte betreten dürfen. Oft bin ich verprügelt worden, weil ich als Unberührbarer versehentlich ältere Menschen oberer Kasten gestreift habe. Ich durfte keine Schuhe tragen. Wenn ich durstig war und aus einem Gemeinschaftsbrunnen trinken wollte, wurde mir oft verboten, aus dem Brunnen Wasser zu schöpfen. Als Junge war es für mich der pure Terror, durch die Straßen der oberen Kasten zu laufen. Obwohl ich in der Grundschule sehr gute Noten hatte, durfte ich nicht auf das Gymnasium wechseln, sondern musste auf der Volksschule bleiben. Als ich meinem Gemeindepfarrer sagte, dass ich Priester werden wollte, war seine Antwort: „Für einen Dalit ist es unmöglich.“ Auch heute noch ist die Unberührbarkeit eine der schlimmsten Formen der Ausgrenzung. Unberührbarkeit macht ein Dalit-Kind machtlos, wertlos und schränkt es in seinem sozialen Leben ein.“ Der Pater , der sich für die Dalits einsetzt, fährt fort. “Seitdem ich für die Landrechte der Dalits kämpfe, wurden zahlreiche falsche Anklagen gegen mich erhoben. Die Polizei hat mich ziemlich oft verhaftet und ins Gefängnis gebracht. Einmal sperrten sie mich 14 Stunden lang nackt in eine Zelle und folterten mich. So etwas konnten sie sich nur erlauben, weil ich ein Dalit bin.“ Der Willkür der Polizei sind vor allem auch Straßenkinder ausgesetzt. Oft werden sie von der Polizei aufgegriffen, brutal mit Stöcken geschlagen und ohne einen rechtsgültigen Grund hinter Gitter gebracht. Der 14-jährige S. Vijay, einer unserer Jungen in Nagamangalam, hat die Willkür der Polizei im vergangenen Sommer zu spüren bekommen. Der Junge, der beim Tsunami, der Seebebenkatastrophe vom 2.Weihnachtstag 2004, seine Mutter und seine drei Geschwister verloren hat – nur der blinde Vater hat noch überlebt - , besuchte während der Sommerferien seinen Onkel. Weil dieser Mann illegal Schnaps gebrannt hat, kam die Polizei, um ihn zu verhaften. Da er aber zu Hause nicht angetroffen wurde, nahm man kurzer Hand den nichts ahnenden Jungen mit und warf ihn ins Gefängnis, wo er verprügelt wurde. Leider hat der blinde Vater unser Kinderdorf nicht verständigt und konnte erst nach drei Monaten mit Rechtshilfe seinen unschuldigen Sohn befreien. Die Reaktion von Vijay: „Ich werde niemals wieder das Kinderdorf verlassen.“ In jedem Jahr habe ich erneut über die Zukunft von Kindern, die mich um Aufnahme in Anbaham anflehen, zu entscheiden. Immer wieder muss ich dabei wegen Platzmangels und weil nicht genügend Paten gefunden werden, Kinder abweisen, obwohl sie aus dem Elend kommen. Solche Stunden sind für mich nahezu unerträglich. Wie oft habe ich nach anfänglicher Ablehnung doch zugesagt, nachdem ich das traurige Schicksal der Kinder kennen gelernt habe. So erzählte ein Mädchen: „Wir wohnen in einer Hütte aus Bananenblättern. Wir haben keinen Brunnen, nur ein Erdloch. Da bekommen wir etwas Grundwasser, das aber oft schlammig ist. Mein Vater hat seine Arbeit auf dem Reisfeld verloren. Dann hat er angefangen, Alkohol zu trinken und mich und meine Mutter zu schlagen. Eines Tages haben meine Eltern mich an Händen und Füßen gebunden, mich mit Petroleum übergossen und in Brand gesteckt. Sie wollten mich verbrennen, weil ich nur ein Mädchen bin. Ich hatte fürchterliche Schmerzen. Meine Großmutter hat mich aus den Flammen gerettet, aber ich war sehr lange krank. Meine Mutter weinte nur noch. Ich glaube, es tat ihr leid. Sie wusste nicht, wie sie mich ernähren konnte. An dem Tag, an dem das mit mir geschehen ist, hat uns mein Vater verlassen. Wir waren vier Kinder. Meine Geschwister sind alle tot.“ Liebe Paten und Förderer, dass in unseren Anbaham-Kinderdörfern bisher über 2.000 gequälten, hungernden, ausgesetzten und verlassenen Jungen und Mädchen ein Zuhause, eine gute Ausbildung und ein menschenwürdiges Leben ermöglicht werden konnte, ist Ihrer hochherzigen Hilfsbereitschaft und Ihrer selbstlosen Liebe zu den Kindern von Anbaham zu verdanken. Auch im Namen dieser Kinder sage ich Ihnen ein ganz herzliches Vergelt’s Gott! Mit besten Wünschen und freundlichen Grüßen Ihr Pfr. A. Diedrich Gründer und Projektleiter der Kinderdörfer |