Rundbrief Dezember 2007

Liebe Paten, Förderer und Freunde der Anbaham-Kinderdörfer!

In den kommenden Tagen werden die meisten von Ihnen einen Weihnachtsgruß aus unseren drei Kinderdörfern erhalten. So möchte auch ich im Rückblick auf das zu Ende gehende Jahr Ihnen einige Informationen geben, sowohl zu unseren Anbaham-Dörfern als auch zur wirtschaftlichen Lage der unteren Schichten in Indien. Vor allem aber möchte ich Ihnen danken für Ihre treue Unterstützung unseres Hilfswerkes, sei es durch Patenschaften, durch Einzelspenden oder aber durch Ihr werbendes Wort. Obwohl in unserem Land die Lebenshaltungskosten spürbar gestiegen sind und viele unserer Förderer finanzielle Einbußen verkraften müssen, ist die Spendenbereitschaft für die Anbaham-Kinderdörfer ungebrochen. Dafür sage ich Ihnen ein ganz herzliches „Vergelt’s Gott“!

In diesem Jahr haben 45 Jungen und Mädchen nach Abschluss des 10. Schuljahres, 3 nach dem 11. Schuljahr und 13 nach dem 12. Schuljahr Anbaham verlassen. Außerdem haben zwei die Ausbildung zum Techniker und einer zum Ingenieur abgeschlossen. Den akademischen Studienabschluss mit dem Bachelor-Degree haben fünf Jungen erreicht und einer sogar mit dem Master-Degree. 23 Jungen und Mädchen haben allerdings die Schulausbildung schon nach dem 8. oder 9. Schul-jahr abgebrochen, sei es, dass ihnen das Lernen sehr schwer fällt, sei es. dass sie möglichst schnell Geld verdienen wollen, um ihre Familien zu unterstützen. Nahezu alle haben aber eine Arbeitsstelle gefunden, niemand musste wie die Eltern Tagelöhner, d.h. Kuli mit einem Hungerlohn werden. Wer in Indien eine Schulausbildung hat, findet trotz der hohen Arbeitslosigkeit eine gute Arbeit. 40% der indischen Bevölkerung gehören andererseits zu den Analphabeten und haben damit keine Chance zu einem menschenwürdigen Leben.


Ohne das Leben in Anbaham und ohne die Hilfe der Paten hätten unsere Jungen und Mädchen keine Möglichkeit ge-habt, dem Elend zu entkommen. So hat auch Johnsilin Malar die ihr gebotene große Chance wahrgenommen. Die neben-stehenden Fotos zeigen das Mädchen als 10-Jährige bei ihrer Aufnahme in Zionpuram und als 17-Jährige nach Abschluss des 12. Schuljahres. Nach dem Tod des Vaters musste die Mutter mit der Arbeit in einer Streichholzfabrik ihre vier Kinder allein ernähren. Johnsilin Malar möchte Kranken-schwester werden. Da sie in Anbaham auch Nähen gelernt hat, kann sie Ihr Studium mitfinanzieren. Mehrere unserer Mädchen sind schon Krankenschwestern geworden. Eine von ihnen ist auch Schwesternhelferin in unserer eigenen Klinik.

Unsere Kinder gehören entweder zu den Backwards oder zu den Dalits, d. h. sie kommen aus den untersten Kasten oder sie sind Kastenlose, Unberührbare. Das Wort „Dalit“ bedeutet „gebrochen“, „zertreten“ bzw. „zerquetschen“. Und genau das sind sie: sie werden unterdrückt, zertreten von den höheren Kasten. Mit über 200 Millionen Menschen sind die Dalits die größte benachteiligte Minderheit auf der Erde. Als Kastenlose stehen sie außerhalb des indischen Gesellschaftssystems. Gemäß dem Hindugesetz haben sie nicht ein einziges Recht. Sie sind täglich Diskriminierungen und Misshandlungen ausgesetzt, werden schlechter behandelt als Tiere. Einem Dalit-Mädchen hat der Lehrer vor der Schulklasse die Augen ausgestochen, nur weil es einem anderen Mädchen ein Glas Wasser gereicht hat. Weil eine Dalit-Frau sich gegen die Vergewaltigung durch einen Dorfbewohner gewehrt hat, hat ihr dieser einen Arm abgehackt. Eine Berührung mit den Dalits gilt als Verunreinigung. Der Zutritt zu den Hindu-Tempeln ist ihnen ebenso wie die Eheschließung mit Kasten-angehörigen strengstens verwehrt. Nur 10 Prozent der schulpflichtigen Dalit-Kinder besuchen die Grundschule. Die indische Verfassung schützt zwar die Dalits und garantiert ihnen besondere Rechte. In der Praxis hat dies jedoch nur wenig an ihrer Situation geändert, vor allem nicht auf dem Lande.

Die Armut der Backward-Classes und Dalits ist unbeschreiblich groß. Die boomende indische Wirtschaft kommt fast nur der gesellschaftlichen Mittelschicht und den höheren Kasten zugute, die Armen haben daran keinen Anteil. Da die Lebens-haltungskosten steigen, klafft die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Am schlimmsten ist das Los der christlichen Dalits. Durch spezielle Erlasse hat die indische Regierung den Dalits im sozialen, wirtschaftlichen, politischen und schulischen Bereich bestimmte Privilegien gewährt. Doch dies gilt nur für die Hindus, nicht für die Dalit-Christen, weil es ja nach der christlichen Lehre keine Kasten und keine Unberührbaren geben dürfte. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Die Leitung innerhalb der christlichen Kirchen liegt in den Händen von höheren Kasten, die nicht anders mit den Dalits umgehen als die Hindus: oft wird ihnen der Zutritt zu den Dorfkirchen verwehrt, Priester weigern sich, in einem Dalit-Dorf die heilige Messe zu feiern und die Sakramente zu spenden. Ich selbst habe in dieser Hinsicht schlechte Erfahrungen machen müssen: Der Ortsgeistliche weigert sich, in unserem Kinderdorf von Vadamelpakkam Gottesdienst zu feiern und die Mädchen und Jungen zur Erstkommunion zu führen. Meine zweimaligen Beschwerden beim zuständigen Bischof haben nichts bewirkt: der Priester verweigert dem Bischof, selbst ein Dalit, den Gehorsam. Dalits wird der Zugang zum Theologiestudium erschwert, Ordensgemeinschaften weigern sich, Dalits in ihren Orden aufzunehmen. Bis 2004 entstammten von den 168 katholischen Bischöfen gerade einmal 8 den Dalit-Gemeinden. Im Bundesstaat Tamil Nadu kommen 95 % der Priester und Ordensleute aus höheren Kasten. Von den 18 Millionen Katholiken in Indien gehören 10 Millionen zu den Dalit-Gemeinden und 3 Millionen zu den unterprivilegierten Stammesvölkern, den Adivasis, und nur 5 Millionen sind Menschen aus den unterschiedlichsten Kasten. Doch die Leitung der Pfarreien und alle Rechte sind den Kasten vorbehalten. Ordensschulen sind nur für die Reichen bestimmt. In New Delhi wollte ich zwei begabte Straßenkinder in einer Ordenschule anmelden. Der Direktor, ein Ordensbruder vom Orden des hl. Patrick, hat die Aufnahme verweigert, obwohl ich das hohe Schulgeld entrichten wollte. Durch die Vermittlung des Erzbischofs von Madras-Mylapore konnte ich einen Jungen, der Vollwaise ist, in einer von einem indischen Priester gegründeten und von Ordensschwestern geleiteten Internatsschule unterbringen. Allerdings nur bei Zahlung der hohen Kosten. Alle anderen ca. 1.000 Schüler kamen aus der wohlhabenden Bevölkerungsschicht. Kastendiskriminierung innerhalb der Kirche ist ein großer Skandal und steht der Lehre des Evangeliums entgegen. Christliche Dalits haben in mehrfacher Hinsicht zu leiden, sie werden mehrfach entfremdet, betrogen und diskriminiert. Beraubt der wirtschaftlichen Unterstützung durch den Staat, der Achtung in der Gesellschaft, der Gleichheit innerhalb der Kirche, zahlen die Dalit-Christen einen hohen Preis für ihr Christ-Sein. Papst Johannes Paul II hat gegenüber den Bischöfen von Tamil Nadu bei deren Rombesuch am 17. November 2003 erklärt: “Die Dalits dürfen nie von den anderen Mitgliedern der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Jeder Anschein von Vorurteil auf Grund der Kasten steht bei den Beziehungen unter den Christen im Widerspruch zur echten menschlichen Solidarität und ist eine Gefahr für die wahre Spiritualität und ein schweres Hindernis für den Evangelisierungsauftrag der Kirche.…Leider können auch die geweihten Amtsträger manchmal schädlichen kulturellen oder sozialen Tendenzen nachgeben, die ihre Glaubwürdigkeit aushöhlen und ihre Sendung schwer behindern. Als Männer des Glaubens dürfen die Priester der Versuchung der Macht oder des materiellen Gewinns, sie von ihrer Berufung abzubringen, nicht nachgeben“. Seit einigen Jahren ist nun eine gewisse Neuorientierung innerhalb der Kirche zu beobachten. Die regionalen Bischofskonferenzen verurteilen mit deutlichen Worten die Diskriminierungen innerhalb der Kirche, diözesane Kommissionen für die Backward Classes, die Ureinwohner und die Dalits sind gegründet worden, die sich für die Rechte der Unterdrückten einsetzen. Doch auf dem Lande sind alle Erklärungen und Deklarationen der Bischofskonferenzen letztlich nur Papier. Aus meinen persönlichen Erfahrungen kann ich selbst nur allen gutwilligen Spendern äußerste Vorsicht empfehlen, wenn sie indische Priester oder Ordensleute finanziell unterstützen wollen.

Im Kinderdorf von Nagamangalam kann in wenigen Wochen ein weiteres Kinderhaus für 40 Jungen fertig gestellt werden, dank der hochherzigen Spende eines Allgäuers. Auch ein kleines Ausbildungszentrum für Handarbeit und Nähen steht dort kurz vor der Vollendung, ebenfalls dank einer Einzelspende. Durch eine sehr hohe Zuwendung wurde in diesem Jahr auch in Vadamelpakkam ein Ausbildungszentrum mit integriertem Besucherraum gebaut. An 10 gespendeten Nähmaschinen können nun unsere eigenen großen Mädchen und junge Frauen aus der Umgebung ausgebildet werden. Computerkurse sind ebenfalls geplant.

Im ablaufenden Jahr haben wieder einige Paten die drei Kinderdörfer besucht. Die Besucher sind stets tief beeindruckt und begeistert. Am 25. Januar 2008 werde ich zusammen mit Frau Sabine Gehrling, die Vorstandsmitglied unserer beiden gemeinnützigen Anbaham-Vereine ist, die Kinderdörfer besuchen und dabei auch wieder bedürftige Kinder aufnehmen. Auch die anderen Vorstandsmitglieder des Kasseler Freundeskreises, Herr Zimmermann, Herr Dr. Gergen und Herr Stark, werden im Februar den Anbaham-Dörfern einen Kurzbesuch abstatten. Nochmals möchte ich betonen, dass dabei selbstver-ständlich alle Kosten privat getragen werden, genauso wie auch die geringen Verwaltungskosten unseres Hilfswerkes.

Wie Sie dem Briefkopf entnehmen können, habe ich eine neue Anschrift mit einer anderen Telefonnummer. Zusammen mit meiner Mitarbeiterin, Frau Gehrling, bin ich von Isny nach Frasdorf im Chiemgau umgezogen. In der 3000 Einwohner zählenden Gemeinde wohne ich im Pfarrhof und habe die Mithilfe in der Seelsorge übernommen. Meine e-Mail-Anschrift ist unverändert.

Obwohl immer wieder neue Paten gewonnen werden, sind noch Jungen und Mädchen in Anbaham ohne Pateneltern. Zum neuen Schuljahr im nächsten Jahr möchte ich wieder eine größere Anzahl von Not leidenden Kindern aufnehmen. Bitte überlegen Sie, wen Sie als neue Förderer unseres Hilfswerkes gewinnen können. Dabei sollte auch beachtet werden, dass der deutsche Bundestag Anfang Juli d. J. die Reform des Spendenrechts beschlossen hat. Danach ist die steuerliche Spendenhöchstgrenze für kirchliche,religiöse und gemeinnützige Zwecke auf 20 % des Gesamtbetrages der Einkünfte (statt bisher 5 %) angehoben worden. Zudem reicht jetzt für Spenden bis 200 Euro der Einzahlungsbeleg oder die Buchungs-bestätigung der Bank als Nachweis gegenüber dem Finanzamt. Die neuen Regelungen treten rückwirkend zum 1. Januar 2007 in Kraft.

Liebe Paten und Förderer unserer Kinderdörfer, nun wünsche ich Ihnen ein gesegnetes und friedvolles Jahr 2008, Gesundheit und Wohlergehen. Mit herzlichen Grüßen

Pfr. A. Diedrich