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Liebe Paten, Förderer und
Freunde der Anbaham-Kinderdörfer!
In den kommenden Tagen werden die meisten von Ihnen einen Weihnachtsgruß aus
unseren drei Kinderdörfern erhalten. So möchte auch ich im Rückblick auf das
zu Ende gehende Jahr Ihnen einige Informationen geben, sowohl zu unseren
Anbaham-Dörfern als auch zur wirtschaftlichen Lage der unteren Schichten in
Indien. Vor allem aber möchte ich Ihnen danken für Ihre treue Unterstützung
unseres Hilfswerkes, sei es durch Patenschaften, durch Einzelspenden oder
aber durch Ihr werbendes Wort. Obwohl in unserem Land die
Lebenshaltungskosten spürbar gestiegen sind und viele unserer Förderer
finanzielle Einbußen verkraften müssen, ist die Spendenbereitschaft für die
Anbaham-Kinderdörfer ungebrochen. Dafür sage ich Ihnen ein ganz herzliches „Vergelt’s
Gott“!
In diesem Jahr haben 45 Jungen und Mädchen nach Abschluss des 10.
Schuljahres, 3 nach dem 11. Schuljahr und 13 nach dem 12. Schuljahr Anbaham
verlassen. Außerdem haben zwei die Ausbildung zum Techniker und einer zum
Ingenieur abgeschlossen. Den akademischen Studienabschluss mit dem
Bachelor-Degree haben fünf Jungen erreicht und einer sogar mit dem
Master-Degree. 23 Jungen und Mädchen haben allerdings die Schulausbildung
schon nach dem 8. oder 9. Schul-jahr abgebrochen, sei es, dass ihnen das
Lernen sehr schwer fällt, sei es. dass sie möglichst schnell Geld verdienen
wollen, um ihre Familien zu unterstützen. Nahezu alle haben aber eine
Arbeitsstelle gefunden, niemand musste wie die Eltern Tagelöhner, d.h. Kuli
mit einem Hungerlohn werden. Wer in Indien eine Schulausbildung hat, findet
trotz der hohen Arbeitslosigkeit eine gute Arbeit. 40% der indischen
Bevölkerung gehören andererseits zu den Analphabeten und haben damit keine
Chance zu einem menschenwürdigen Leben.

Ohne das Leben in Anbaham und ohne die Hilfe der Paten hätten unsere Jungen
und Mädchen keine Möglichkeit ge-habt, dem Elend zu entkommen. So hat auch
Johnsilin Malar die ihr gebotene große Chance wahrgenommen. Die
neben-stehenden Fotos zeigen das Mädchen als 10-Jährige bei ihrer Aufnahme
in Zionpuram und als 17-Jährige nach Abschluss des 12. Schuljahres. Nach dem
Tod des Vaters musste die Mutter mit der Arbeit in einer Streichholzfabrik
ihre vier Kinder allein ernähren. Johnsilin Malar möchte Kranken-schwester
werden. Da sie in Anbaham auch Nähen gelernt hat, kann sie Ihr Studium
mitfinanzieren. Mehrere unserer Mädchen sind schon Krankenschwestern
geworden. Eine von ihnen ist auch Schwesternhelferin in unserer eigenen
Klinik.
Unsere Kinder gehören entweder zu den Backwards oder zu den Dalits, d. h.
sie kommen aus den untersten Kasten oder sie sind Kastenlose, Unberührbare.
Das Wort „Dalit“ bedeutet „gebrochen“, „zertreten“ bzw. „zerquetschen“. Und
genau das sind sie: sie werden unterdrückt, zertreten von den höheren
Kasten. Mit über 200 Millionen Menschen sind die Dalits die größte
benachteiligte Minderheit auf der Erde. Als Kastenlose stehen sie außerhalb
des indischen Gesellschaftssystems. Gemäß dem Hindugesetz haben sie nicht
ein einziges Recht. Sie sind täglich Diskriminierungen und Misshandlungen
ausgesetzt, werden schlechter behandelt als Tiere. Einem Dalit-Mädchen hat
der Lehrer vor der Schulklasse die Augen ausgestochen, nur weil es einem
anderen Mädchen ein Glas Wasser gereicht hat. Weil eine Dalit-Frau sich
gegen die Vergewaltigung durch einen Dorfbewohner gewehrt hat, hat ihr
dieser einen Arm abgehackt. Eine Berührung mit den Dalits gilt als
Verunreinigung. Der Zutritt zu den Hindu-Tempeln ist ihnen ebenso wie die
Eheschließung mit Kasten-angehörigen strengstens verwehrt. Nur 10 Prozent
der schulpflichtigen Dalit-Kinder besuchen die Grundschule. Die indische
Verfassung schützt zwar die Dalits und garantiert ihnen besondere Rechte. In
der Praxis hat dies jedoch nur wenig an ihrer Situation geändert, vor allem
nicht auf dem Lande.
Die Armut der Backward-Classes und Dalits ist unbeschreiblich groß. Die
boomende indische Wirtschaft kommt fast nur der gesellschaftlichen
Mittelschicht und den höheren Kasten zugute, die Armen haben daran keinen
Anteil. Da die Lebens-haltungskosten steigen, klafft die Schere zwischen Arm
und Reich immer weiter auseinander. Am schlimmsten ist das Los der
christlichen Dalits. Durch spezielle Erlasse hat die indische Regierung den
Dalits im sozialen, wirtschaftlichen, politischen und schulischen Bereich
bestimmte Privilegien gewährt. Doch dies gilt nur für die Hindus, nicht für
die Dalit-Christen, weil es ja nach der christlichen Lehre keine Kasten und
keine Unberührbaren geben dürfte. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Die
Leitung innerhalb der christlichen Kirchen liegt in den Händen von höheren
Kasten, die nicht anders mit den Dalits umgehen als die Hindus: oft wird
ihnen der Zutritt zu den Dorfkirchen verwehrt, Priester weigern sich, in
einem Dalit-Dorf die heilige Messe zu feiern und die Sakramente zu spenden.
Ich selbst habe in dieser Hinsicht schlechte Erfahrungen machen müssen: Der
Ortsgeistliche weigert sich, in unserem Kinderdorf von Vadamelpakkam
Gottesdienst zu feiern und die Mädchen und Jungen zur Erstkommunion zu
führen. Meine zweimaligen Beschwerden beim zuständigen Bischof haben nichts
bewirkt: der Priester verweigert dem Bischof, selbst ein Dalit, den
Gehorsam. Dalits wird der Zugang zum Theologiestudium erschwert,
Ordensgemeinschaften weigern sich, Dalits in ihren Orden aufzunehmen. Bis
2004 entstammten von den 168 katholischen Bischöfen gerade einmal 8 den
Dalit-Gemeinden. Im Bundesstaat Tamil Nadu kommen 95 % der Priester und
Ordensleute aus höheren Kasten. Von den 18 Millionen Katholiken in Indien
gehören 10 Millionen zu den Dalit-Gemeinden und 3 Millionen zu den
unterprivilegierten Stammesvölkern, den Adivasis, und nur 5 Millionen sind
Menschen aus den unterschiedlichsten Kasten. Doch die Leitung der Pfarreien
und alle Rechte sind den Kasten vorbehalten. Ordensschulen sind nur für die
Reichen bestimmt. In New Delhi wollte ich zwei begabte Straßenkinder in
einer Ordenschule anmelden. Der Direktor, ein Ordensbruder vom Orden des hl.
Patrick, hat die Aufnahme verweigert, obwohl ich das hohe Schulgeld
entrichten wollte. Durch die Vermittlung des Erzbischofs von Madras-Mylapore
konnte ich einen Jungen, der Vollwaise ist, in einer von einem indischen
Priester gegründeten und von Ordensschwestern geleiteten Internatsschule
unterbringen. Allerdings nur bei Zahlung der hohen Kosten. Alle anderen ca.
1.000 Schüler kamen aus der wohlhabenden Bevölkerungsschicht.
Kastendiskriminierung innerhalb der Kirche ist ein großer Skandal und steht
der Lehre des Evangeliums entgegen. Christliche Dalits haben in mehrfacher
Hinsicht zu leiden, sie werden mehrfach entfremdet, betrogen und
diskriminiert. Beraubt der wirtschaftlichen Unterstützung durch den Staat,
der Achtung in der Gesellschaft, der Gleichheit innerhalb der Kirche, zahlen
die Dalit-Christen einen hohen Preis für ihr Christ-Sein. Papst Johannes
Paul II hat gegenüber den Bischöfen von Tamil Nadu bei deren Rombesuch am
17. November 2003 erklärt: “Die Dalits dürfen nie von den anderen
Mitgliedern der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Jeder Anschein von
Vorurteil auf Grund der Kasten steht bei den Beziehungen unter den Christen
im Widerspruch zur echten menschlichen Solidarität und ist eine Gefahr für
die wahre Spiritualität und ein schweres Hindernis für den
Evangelisierungsauftrag der Kirche.…Leider können auch die geweihten
Amtsträger manchmal schädlichen kulturellen oder sozialen Tendenzen
nachgeben, die ihre Glaubwürdigkeit aushöhlen und ihre Sendung schwer
behindern. Als Männer des Glaubens dürfen die Priester der Versuchung der
Macht oder des materiellen Gewinns, sie von ihrer Berufung abzubringen,
nicht nachgeben“. Seit einigen Jahren ist nun eine gewisse Neuorientierung
innerhalb der Kirche zu beobachten. Die regionalen Bischofskonferenzen
verurteilen mit deutlichen Worten die Diskriminierungen innerhalb der
Kirche, diözesane Kommissionen für die Backward Classes, die Ureinwohner und
die Dalits sind gegründet worden, die sich für die Rechte der Unterdrückten
einsetzen. Doch auf dem Lande sind alle Erklärungen und Deklarationen der
Bischofskonferenzen letztlich nur Papier. Aus meinen persönlichen
Erfahrungen kann ich selbst nur allen gutwilligen Spendern äußerste Vorsicht
empfehlen, wenn sie indische Priester oder Ordensleute finanziell
unterstützen wollen.
Im Kinderdorf von Nagamangalam kann in wenigen Wochen ein weiteres
Kinderhaus für 40 Jungen fertig gestellt werden, dank der hochherzigen
Spende eines Allgäuers. Auch ein kleines Ausbildungszentrum für Handarbeit
und Nähen steht dort kurz vor der Vollendung, ebenfalls dank einer
Einzelspende. Durch eine sehr hohe Zuwendung wurde in diesem Jahr auch in
Vadamelpakkam ein Ausbildungszentrum mit integriertem Besucherraum gebaut.
An 10 gespendeten Nähmaschinen können nun unsere eigenen großen Mädchen und
junge Frauen aus der Umgebung ausgebildet werden. Computerkurse sind
ebenfalls geplant.
Im ablaufenden Jahr haben wieder einige Paten die drei Kinderdörfer besucht.
Die Besucher sind stets tief beeindruckt und begeistert. Am 25. Januar 2008
werde ich zusammen mit Frau Sabine Gehrling, die Vorstandsmitglied unserer
beiden gemeinnützigen Anbaham-Vereine ist, die Kinderdörfer besuchen und
dabei auch wieder bedürftige Kinder aufnehmen. Auch die anderen
Vorstandsmitglieder des Kasseler Freundeskreises, Herr Zimmermann, Herr Dr.
Gergen und Herr Stark, werden im Februar den Anbaham-Dörfern einen
Kurzbesuch abstatten. Nochmals möchte ich betonen, dass dabei
selbstver-ständlich alle Kosten privat getragen werden, genauso wie auch die
geringen Verwaltungskosten unseres Hilfswerkes.
Wie Sie dem Briefkopf entnehmen können, habe ich eine neue Anschrift mit
einer anderen Telefonnummer. Zusammen mit meiner Mitarbeiterin, Frau
Gehrling, bin ich von Isny nach Frasdorf im Chiemgau umgezogen. In der 3000
Einwohner zählenden Gemeinde wohne ich im Pfarrhof und habe die Mithilfe in
der Seelsorge übernommen. Meine e-Mail-Anschrift ist unverändert.
Obwohl immer wieder neue Paten gewonnen werden, sind noch Jungen und Mädchen
in Anbaham ohne Pateneltern. Zum neuen Schuljahr im nächsten Jahr möchte ich
wieder eine größere Anzahl von Not leidenden Kindern aufnehmen. Bitte
überlegen Sie, wen Sie als neue Förderer unseres Hilfswerkes gewinnen
können. Dabei sollte auch beachtet werden, dass der deutsche Bundestag
Anfang Juli d. J. die Reform des Spendenrechts beschlossen hat. Danach ist
die steuerliche Spendenhöchstgrenze für kirchliche,religiöse und
gemeinnützige Zwecke auf 20 % des Gesamtbetrages der Einkünfte (statt bisher
5 %) angehoben worden. Zudem reicht jetzt für Spenden bis 200 Euro der
Einzahlungsbeleg oder die Buchungs-bestätigung der Bank als Nachweis
gegenüber dem Finanzamt. Die neuen Regelungen treten rückwirkend zum 1.
Januar 2007 in Kraft.
Liebe Paten und Förderer unserer Kinderdörfer, nun wünsche ich Ihnen ein
gesegnetes und friedvolles Jahr 2008, Gesundheit und Wohlergehen. Mit
herzlichen Grüßen
Pfr. A. Diedrich
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