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Sehr geehrte Paten, Förderer
und Freunde unserer Anbaham-Kinderdörfer!
Mit diesem Rundbrief möchte ich Sie zunächst herzlich einladen zu einem der
nächsten Informationsabenden über unsere Anbaham-Kinderdörfer in Südindien.
Sie finden statt
am Freitag, den 12. September 2008 um 18.00 Uhr
im Pfarrheim Menelzhofen 27, 88316 Isny (gegenüber der Kirche)
und am Sonntag, den 28. September 2008 um 19.00 Uhr
im Pfarrheim Hauptstr. 9, 83112 Frasdorf im Chiemgau.
Vom 26. Januar bis zum 29. Februar d. J. war ich zusammen mit Frau Sabine
Gehrling, die Vorstandsmitglied beider Anbaham-Vereine ist, in den
Kinderdörfern. Auch Herr Peter Zimmermann, der stellvertretende Vorsitzende
des Kasseler Freundeskreises, war für einen fünftägigen Kurzbesuch nach
Indien gekommen. Während dieser fünf Wochen konnte ich in Nagamangalam ein
neues Kinderhaus und eine kleine Ausbildungsstätte einweihen. Entscheidungen
mussten getroffen werden für notwendigen Reparaturen und Anschaffungen, für
die Verbesserung des Lebensstandards der Kinder und über eine längst fällige
Gehaltsanpassung des indischen Personals. In einem elenden Hüttendorf mit
akuten und unbehandelten Leprakranken, das in der Nähe des Kinderdorfes von
Nagamangalam liegt, habe ich zum ersten Mal jeder Familie einen Geldbetrag
übergeben, um wenigstens etwas ihre unaussprechliche Not zu lindern. Wir
erfuhren, dass die Patienten bisher nur mit Vitamintabletten behandelt
wurden, obwohl ihre offenen Wunden bis auf die Knochen gehen und Finger und
Zehen abfaulen. Da es keine Krankenversicherung gibt, müssen die Leprösen
für jede medizinische Behandlung bezahlen, und da sie nur vom Betteln leben,
können sie sich das nicht leisten. Einer alten Frau waren die Augen
ausgelaufen, sie hat keine Augäpfel mehr. Wir lassen nun dort auch ein
aidskrankes, unterernährtes Baby ärztlich und medizinisch behandeln, und es
erhält jetzt endlich eine gesunde Ernährung.
In die drei Anbaham-Dörfer habe ich wieder Jungen und Mädchen neu
aufgenommen. Von den rund 420 Kindern, die zu den Aufnahmegesprächen kamen,
konnte ich nur 180 berücksichtigen,obwohl alle bedürftig sind. Die Mutter
der 5-jährigen S.Arockia hat die Familie verlassen und ist in ihr Vaterhaus
zurückgekehrt, daraufhin ist auch der Vater des Kindes davon-gelaufen. - Der
Vater des 10-jährigen S. Sarawanan wurde ermordet, nun hat auch die Mutter
ihre Kinder im Stich gelassen. - Der Vater des 12-jährigen R. Subin hat die
Familie verlassen. Seine Mutter hatte sich vor vier Jahren mit Benzin
übergossen, den Jungen an sich gezogen, um mit ihm in den Tod zu gehen. Der
Junge konnte sich befreien und wurde von der Großmutter aufgenommen. - Der
Vater des 8-jährigen Vincess Stanley und des 11-jährigen V. Vincess Brusley
hatte ein geringes Darlehen aufgenommen und war dadurch in
Schuldknechtschaft geraten. Vor 4 Jahren ist er davongelaufen und hat seine
Familie in Stich gelassen. Daraufhin hat der Geldverleiher, der Besitzer
einer Ziegelei, die Ehefrau und die Kinder in Schuldknechtschaft genommen.
Nun hat die Mutter die beiden Söhne heimlich zu uns gebracht, um wenigstens
diese aus der Sklaverei zu befreien. – Eine der Frauen, die zwei Kinder zu
uns gebracht hat, hat ein furchtbar entstelltes Antlitz: Als sie 15 Jahre
alt war, hat man ihr Säure ins Gesicht gespritzt, dann wurde sie mit Benzin
übergossen und in Brand gesteckt. Wie durch ein Wunder hat sie
überlebt.Durch die zunehmende Verelendung der unteren Bevölkerungsschichten
lassen in Indien immer mehr Väter und Mütter ihre Kinder im Stich. Diese
haben großes Glück, wenn sie noch eine Großmutter haben, die sie aufnehmen
kann.
Wie Sie in Deutschland den Presseberichten entnehmen konnten, nehmen sich
jährlich mehr als 17.500 indische Klein-bauern wegen Verschuldung das Leben.
Vor allem machen gestiegene Preise für Saatgut die Lage der Kleinbauern
aussichtslos. Sie leiden auch unter den Getreideimporten aus westlichen
Ländern, weil sie oft ihre Produkte nicht verkaufen können. Selbst bei der
Tsunami-Katastrophe war die Belastung der Kleinbauern deutlich geworden:
Statt mit den Spenden-geldern in Indien Getreide zu kaufen, wurde aus dem
Ausland in die Notstandsgebiete Getreide geliefert, so dass die Bauern ihre
Produkte nicht absetzen konnten. Nun hat die indische Regierung
Sonderzahlungen für Kleinbauern vorge-sehen, damit diese ihre Kredite tilgen
können. Ausgeschlossen sind davon allerdings Schulden bei privaten
Geldverleihern,
den dubiosen Hauptgläubigern vieler Bauern.
In der letzten Zeit sind weitere Mängel der Tsunami-Hilfe sichtbar geworden.
Nicht weit vom Kinderdorf von Zionpuram hat die indische Regierung den
Abbruch einer ganzen Neubausiedlung angeordnet, weil die mit Geldern einer
großen ausländischen Hilfsorganisation erstellten Wohnhäuser so schlecht
gebaut wurden, dass Einsturzgefahr besteht. Die Hilfs-organisation wurde
zusätzlich mit einer Geldbuße belegt.
Während unseres Indienaufenthaltes sind wieder Ärzte und Mithelfer wegen
Betrugsgeschäften bei Organtransplantationen verurteilt worden. Viele Arme
werden überredet, sich operieren zu lassen und Organe zu spenden. Doch von
dem versprochenen Geld sehen sie entweder nichts oder nur einen geringen
Teil. Nicht selten werden willige Organspender, vor allem wenn es sich um
Kinder handelt, ermordet. Eine Frau, die uns ihre Kinder gebracht hat,
musste schon mehrmals wegen einer Herzerkrankung in ein Krankenhaus
eingeliefert werden. Jetzt hat man festgestellt, dass ihr ohne ihr Wissen
eine Niere entfernt worden ist.
Im heutigen Rundbrief möchte ich etwas ausführlicher über die Kinderarbeit
in Indien berichten. Wir können 4 Gruppen von Kinderarbeit unterscheiden:
1. Kinder tragen durch ihre Arbeit zum Lebensunterhalt der Familie bei. Sie
arbeiten in der Landwirtschaft, in Restaurants, im Straßenbau, in
Steinbrüchen, Ziegeleien, in der Textilindustrie und in Teppichwebereien.
Wenn diese Kinder aus dem Arbeitsprozess herausgenommen werden, um sie dann
in die Schule schicken zu können, müsste für die Familie auch eine bessere
Einkommensquelle gefunden werden.
2. Kinder in Schuldknechtschaft. Eltern brauchen für Medikamente und
Krankenhaus oder bei einem Sterbefall Geld, viel-leicht nur 100 oder 200 €,
verpfänden für Wucherkredite ihre eigene Arbeitskraft und die ihrer ganzen
Familie und ver-stricken sich dadurch oft in lebenslange Abhängigkeit. Nicht
selten verpfänden Eltern für einen Hungerlohn ihre eigenen Kinder.
Nutznießer in diesem schmutzigen Geschäft sind vor allem Großgrundbesitzer
und professionelle Geldverleiher. Oft werden diese Arbeitssklaven an
Unternehmer, z. B. Baufirmen oder Ziegeleien, weitervermietet.
3. Kindersklaven. Eltern verkaufen in einer ausweglosen Notlage ihre Kinder
oder sie übergeben sie an Fabrikbesitzer, deren Agenten oder Mittelsmänner
in der Hoffnung, dass sie zu Unternehmen gebracht werden, wo sie Geld
verdienen. Kontraktoren entführen sogar Kinder. Sie bringen diese meistens
weit weg vom Heimatdorf zu Fabriken, wo sie ohne Vergütung – manchmal in
dunklen Kellern - als Sklaven gehalten werden. Ganz selten haben sie eine
Chance zu entfliehen. Sie müssen täglich bis zu 14 Stunden in einer
gesundheitsschädlichen und gefährlichen Umgebung schwer arbeiten, bei
Erkrankungen werden sie nicht versorgt, erhalten unzureichend und dazu noch
schlechtes Essen, werden brutal geschlagen und manchmal sogar angekettet.
Sie stellen Kupfer- und Messingwaren, Feuerwerkskörper und Streichhölzer
her, arbeiten in Töpfereien und als Juwelenschleifer in der
Schmuckindustrie. Allein schon in der Glasindustrie von Firozabad arbeiten
50.000 Kinder unter 14 Jahren. Bereits 8-jährige Jungen sind an den
Schmelzöfen einer Temperatur von 800 Grad C aus-gesetzt. Sie erleiden
Verbrennungen und Dehydratation, kollabieren unter der Hitze und haben so
eine nur kurze Lebens-erwartung. Bei der Herstellung von Vorhängeschlössern
– auch hier sind Zehntausende von Kindern beschäftigt - verletzen sich
viele, da es keine Sicherheitsvorkehrungen gibt. Sie müssen z. B. die
Schlösser mit bloßen Händen in Säurebäder tauchen. Sie erkranken durch den
Metallstaub vor allem an Tuberkulose. In Teppichwebereien arbeiten kleine
Mädchen täglich 10 Stunden, indem sie auf ihren Fußzehen hocken. Das hemmt
ihr Wachstum und deformiert ihren Körper.
4. Straßenkinder. In den Megastädten wie Delhi, Mumbai (Bombay), Kolkata und
Chennai schlagen sich Hunderttausende von Straßenkindern durchs Leben, indem
sie Zeitungen und alles Mögliche im gefährlichen, dichten Straßenverkehr an
den Fahrzeugen verkaufen, Müll sammeln, betteln oder ihren Leib in der
Prostitution anbieten. Um als Bettler mehr Mitleid zu erregen, werden sie
manchmal an Händen und Füßen verstümmelt oder es wird ihnen sogar ein Auge
geblendet. Organi-sierte Banden setzen Kinder an Straßenkreuzungen zum
Betteln ein. Bringen sie zu wenig ein, werden sie misshandelt.
Die Anzahl der Kinderarbeiter ist kaum festzustellen. Schätzungen bewegen
sich zwischen 45 Millionen und 125 Millionen Kinderarbeitern. Damit hat
Indien die höchste Kinderarbeitsquote der Welt, Tendenz steigend. Der
Subkontinent hat zwar eine beeindruckend fortschrittliche Gesetzgebung gegen
Kinderarbeit. So schreibt die indische Verfassung auch vor, dass alle Kinder
bis zum Alter von 14 Jahren schulpflichtig sind. Doch der Staat handelt
bestenfalls nur halbherzig. Die lokalen Behörden drücken beide Augen zu.
Gelegentlich befreit die Polizei in groß angelegten Aktionen ganze
Kindergruppen und bringt sie mit Zügen in ihre Heimat zurück. Aber die
verbrecherischen Fabrikbesitzer und Unternehmer lassen sich dadurch nicht
abschrecken. Sicher ist der wirtschaftliche Boom in Indien, der nur der
Ober- und Mittelschicht der Kastengesell-schaft zugute kommt, u. a. auch der
Ausbeutung des Millionenheeres der Kinder aus den niederen Kasten, der
Dalits und der Adivasis (Ureinwohner) zu verdanken.
Liebe Förderer unseres Hilfsprojektes, wir dürfen nicht aufhören, immer
wieder das himmelschreiende Unrecht in Indien, die Ausbeutung und
Misshandlung der Kinder in Erinnerung zu rufen. Ich darf Sie von Herzen
bitten, auch selbst weitere Wohltäter zu finden, damit etwas mehr
Gerechtigkeit den Ärmsten der Armen zuteil werden kann, damit nun konkret
die 180 in unsere Anbaham-Dörfer neu aufgenommenen Jungen und Mädchen
finanzielle Unterstützung, d. h. Paten erhalten. Weisen Sie bitte auch
darauf hin, dass bei Taufen, Hochzeiten und Jubiläen die Dankbarkeit
sinnvoll durch Übernahme einer Patenschaft oder durch Einzelspenden zum
Ausdruck gebracht werden kann.
Mit einem tief empfundenen Dank für Ihre treue Förderung unseres
Hilfswerkes, für Ihre Patenschaften und Einzelspenden grüßt Sie herzlich
Ihr Pfr. Albert Diedrich |