Rundbrief von Sabine Gehrling

Frasdorf, im Oktober 2009


Liebe Anbaham-Freunde,

es war für uns, Msgr. Diedrich und mich, ein sehr schöner Tag, als wir im Januar wieder von einigen unserer Jungen und von Mr. Suresh, dem Manager von Vadamelpakkam, am Flughafen in Chennai erwartet wurden. Der anstrengende Flug war sofort vergessen, sobald wir die fröhlich winkende Kinderschar sahen. Sogar den Polizisten, die sonst mit ernster Miene die ankommenden Reisenden beobachten, huschte ein Lächeln über das Gesicht: man kennt sich schon. Mit dem Jeep fuhren wir die alt vertrauten Straßen zum Kinderdorf, die kleinen Jungen eng an uns gedrängt, immer bemüht, es uns so komfortabel wie möglich zu machen. Wir kamen aus der Kälte direkt in die Hitze, aber vor Glück spürten wir keine Müdigkeit und auch nicht die Enge im Auto. Wir waren einfach wieder daheim bei unseren Kindern in Indien.

Es hat sich viel verändert in der Millionenstadt Chennai. Der wirtschaftliche Aufschwung stellt sich dar: im Bau von herrlichen Gebäuden, Einkaufszentren als auch im Straßenbau. Jedoch etwas außerhalb der Stadt das uns so bekannte Bild: armselige Hütten, bettelnde Kinder, ausgezehrte Frauen und Männer, die hart im Straßenbau arbeiten müssen, und zwar ohne geeignete Hilfsmittel und mit wenig Pausen. Kleinkinder und Babys spielen und liegen direkt am Straßenrand, die etwas größeren Kinder werden schon vom Unternehmer für Arbeiten mit eingesetzt. Kinderarbeit ist und bleibt für die Wirtschaft attraktiv. Nur halbherzig setzt man sich für die Rechte der Kinder ein. In diesem Jahr wurde von der indischen Regierung nochmals die Schulpflicht für alle Kinder eingefordert und per erneutem Gesetz gefestigt. Doch New Delhi ist weit weg, und uns zeigt sich ein anderes Bild.

Die Kinder von Vadamelpakkam haben nur die Möglichkeit, an staatliche Schulen zu gehen. Diese Schulen wurden von Jahr zu Jahr immer schlechter, so dass viele Kinder und Jugendliche den wichtigen Abschluss der Klassen 10 und 12 nicht erreichten. Die Jungen und Mädchen vom Kinderdorf werden allerdings durch ihre Hausmütter noch am Abend geschult. Dadurch fällt das Ergebnis bei uns zwar etwas besser aus, aber doch nicht zu unserer Zufriedenheit. Die Kinder sind durch den langen, anstrengenden Tag geschafft und bekommen auch in den Abendstunden keine Ruhe. Die meisten Lehrer haben kein Interesse an den Kindern, die aus den untersten Kasten kommen oder sogar Dalits, Kastenlose, sind. Sie unterrichten nicht gut und behandeln die Kinder lieblos, ja zuweilen brutal. Wenn die Rektorin fehlt, gehen auch die anderen Lehrer nach Hause. Größere Schüler übernehmen dann die Aufsicht und schlagen die Kleinen mit dem Stock. Die Kinder verlieren dadurch die Freude am Lernen und laufen aus Angst vor den Großen weg. Auch eins meiner Patenkinder wurde täglich in der Schule geschlagen. Der Junge hat es vorgezogen, in seiner eigenen Welt zu leben und innerlich nicht mehr am Unterricht teilzunehmen. Er schafft es sehr oft, seine Schulbücher in kleinste Schnipsel zu reißen. In der 4. Klasse kann er wie viele andere Kinder nicht lesen und schreiben. Oft verlassen die Dorfkinder die Schule schon nach der 5. Klasse, vor allem die Mädchen, die zur Arbeit gebraucht werden. Den Kindern von Anbaham geht es etwas besser, weil sie täglich in ihren Gruppen von den Hausmüttern und Hausvätern unterrichtet werden. Es grenzt an ein Wunder, dass doch noch einige Schüler die Klassen 10 und 12 erreichen. Pfarrer Diedrich hat schon oft mit der Rektorin und den Lehrern gesprochen, um eine Besserung herbeizuführen. Aber es hat nichts gebracht. So wird er nun eigene Schulen in Vadamelpakkam bauen. In unseren beiden anderen Kinderdörfern ist die Schulausbildung besser, weil es christliche Privatschulen sind.

Das Leben in unseren Kinderdörfern ist bunt und mit Lachen gefüllt. In unserem eigenen Wohn-bereich sind immer Kinder, die bei uns sein möchten Es ist für sie etwas ganz Schönes, mit dem Vater, wie sie Pfarrer Diedrich nennen, zu spielen oder mit mir die kleinen Hunde aufzuziehen.
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Sie freuen sich, wenn man mit ihnen zum Sportplatz geht, um ihnen zuzuschauen. Die Tage in Anbaham vergehen wie im Fluge. Da wir jedes Kinderdorf besuchen, müssen wir uns die Zeit sehr einteilen. Die 16-stündige Fahrt mit dem Zug oder der Flug mit einer alten Propellermaschine von Chennai (Madras) nach Trivandrum an der Südspitze Indiens erfordert schon etwas Mut oder „die Augen zu und durch“. Vom Flughafen Trivandrum, der Hauptstadt von Kerala, geht es dann mit dem Auto weiter nach Zionpuram in Tamil Nadu. Nach etwa 3 Stunden erreichen wir endlich das Kinderdorf. Hier werden wir wieder so großartig empfangen. Alle haben sich versammelt und beglücken uns mit Gesang, Trommeln und einem Feuerwerk. In den nächsten Tagen gibt es viel zu tun: Besuche, Aufnahme von neuen Kindern, Fahrten in die Elendsdörfer, Kontakte mit den Dorfbewohnern, Besichtigung der einzelnen Häuser, Einweihungen neuer Gebäude und Prüfung der Kassenbestände und Bücher. Pfarrer Diedrich spricht mit den Managern ab, was erneuert werden muss, hört sich die Wünsche der Kinder an, sieht, wo Not ist und Abhilfe geschaffen werden muss.

Indien ist ein Agrarland. Rund 65 % der Menschen leben trotz der Megastädte immer noch auf dem Land. Die Angehörigen unserer Kinder sind vorwiegend besitzlose Tagelöhner in der Land-wirtschaft. Es gibt in den Dörfern kein sauberes Trinkwasser, keine Sanitäranlagen und kaum Elektrizität. In der Regenzeit stehen die mit Stroh gedeckten Hütten nicht selten unter Wasser. Wer im Dorf lebt, leidet oft unter Mangelernährung und Krankheiten. Die ärztliche Versorgung ist äußerst schlecht und die einfachen Krankenhäuser für die Armen sind Brutstätten für Erreger, die zur Verschlimmerung der schon bestehenden Erkrankung führen.

In den Elendsdörfern merkt man nicht viel von der Globalisierung und dem wirtschaftlichen Auf-schwung. Tatsache ist, dass in dem 1,2 Milliarden Land etliche Millionen Inder der oberen Kasten ein gutes, ja luxuriöses Leben führen können. Deren Kinder und Jugendliche treiben sich in den Kauftempeln herum und schwelgen förmlich in verschwenderischer Kauflust. Sie sind die Sieger durch die Gnade der Geburt in eine reiche Familie hinein. Die Armen, über 300 Millionen leben unter dem Existenzminimum, werden dagegen immer mehr ausgebeutet. Sie arbeiten wie Sklaven für den Reichtum der Mittel- und Oberschicht und sind von einem menschenwürdigen Leben aus-geschlossen. 3.000 Kinder sterben jeden Tag in Indien an Unterernährung, so eine Studie der Gesellschaft für bedrohte Völker. Anlässlich des Weltkindertages am 20. September 2009 hat diese Gesellschaft an die Regierung in Delhi appelliert, mehr für den Schutz und die Gesundheit der Kinder zu tun.

Die Kinder des Elends in Indien und überall auf der Welt brauchen unser Mitgefühl und unsere Hilfe, wenn sie Ungerechtigkeit erleiden und keine Zukunft haben. Sie sind nicht in der Lage, sich selbst dagegen zu wehren. Ausbeutung macht krank und lässt die Kinderseele sterben. Die Freunde, Förderer und Paten von Anbaham begleiten hochherzig und liebevoll die Mädchen und Jungen unserer Kinderdörfer, viele schon seit Jahren, manche seit der Gründung von St. Boniface Anbaham. Dabei konnten sie es oft kaum glauben, welch schweres Schicksal viele Kinder schon hinter sich hatten. Unser Wohlwollen und die Begleitung der Jungen und Mädchen ist so überaus wichtig, ja Leben spendend. Pfarrer Diedrich hat von einem Hindupriester in dessen Ashram den Ehrennamen „Tharmavallan“, der „Mann, der Brot gibt“, erhalten. Diesen Ehrentitel verdienen gewiss auch einige von Ihnen. Ohne die Mithilfe der Anbaham-Freunde wäre dieses großartige Hilfswerk nicht möglich. Darum ein herzliches Dankeschön an alle, die mit ganzem Herzen hinter dem Werk von Pfarrer Diedrich stehen!

Mit besten Wünschen

gez.
Sabine Gehrling